BAUEN WIR EINE NACHHALTIGE WELT – GLOBALE UND REGIONALE ASPEKTE

    Die Welt kommt bezüglich der Klimathematik trotz vieler Anstrengungen nicht wirklich weiter. Das hängt mit legitimen Erwartungen an Wohlstand und Wachstum zusammen, besonders in den sich entwickelnden Ländern, aber nicht nur dort. Viele Probleme sind auch mit der Messmethodik und der Verantwortungszurechnung verknüpft, z. B. wenn Industrieländer ihre Produktionen und damit Emissionen im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung nach China auslagern und sich das als Beitrag zur Reduktion von Klimagasemissionen gutschreiben lassen, während im Gegenzug die chinesischen Emissionen wachsen, was dann kritisch beklagt wird. Auf der Weltklimakonferenz in Durban haben sich die Staaten der Welt nicht auf ein verbindliches Abkommen verständigen können.

    Dieses wird jetzt irgendwo im Zeitraum 2015/ 2020 angestrebt. In 2012 gab es die bisher höchsten Klimagasemissionen aller Zeiten, gleichzeitig den höchsten Zuwachs. Kann in dieser Situation das 2-Grad-Ziel überhaupt noch erreicht werden? Was ist dazu zu tun und welche Potentiale liegen im Gebäudebereich?

    Das 2-Grad-Ziel kann noch erreicht werden
    Das 2-Grad-Ziel kann noch erreicht werden, erfordert aber wegen der bisher im Wesentlichen ungenutzt verstrichenen Zeit mittlerweile schon besondere Maßnahmen. Zentral ist Zeitgewinn. Dazu müssen hunderte Milliarden Tonnen CO2 der Atmosphäre wieder entzogen werden. Gleichzeitig müssen die entsprechenden Maßnahmen mit der Förderung von Wohlstand in den sich entwickelnden Ländern verknüpft werden. Anders sind globale Partnerschaften für mehr Klimaschutz nicht erreichbar. Und ohne derartige Partnerschaften kann das 2-Grad-Ziel ohnehin nicht mehr erreicht werden. Besonders attraktiv ist in diesem Kontext ein Weltaufforst- und Grünlandmanagement-Programm, das auf etwa 10 Mio. kmin den ärmeren Ländern CO2 in Wäldern und in Humus bindet, zugleich Wohlstand in diesen Regionen bringt und vielfältige weitere positive Effekte entfaltet, z. B. die Förderung der Biodiversität.

    Finanzierung weltweiter Beiträge über Klimaneutralitätsanliegen
    Die Finanzierungsbasis für das oben beschriebene Programm bilden insbesondere die sich daraus ergebenden Chancen für Organisationen, Unternehmen und Individuen, sich klimaneutral zu stellen. Das betrifft primär die größten CO2-Emittenten, das Premium-Konsumentensegment der Welt und die sie betreuenden Unternehmen und Organisationen. Klimaneutralität muss dringend zum Standardrepertoire aller ökonomisch leistungsstarken Akteure werden. Der Berliner (Ethik-)Appell zum Thema unter www.klimaneutral-handeln.de fordert alle verantwortungsbewussten Bürger auf, so zu handeln.

    Das Buch „Klimaneutralität – Hessen geht voran", das am 12. Oktober 2012 auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert wurde, zeigt, wie viel in diesem Bereich heute bereits passiert ist. Das Thema hat eine besonders starke Verknüpfung mit dem Immobilienbereich.

    Bezug Immobilienbereich Eine ganz zentrale Bedeutung für die Klimafrage hat der Immobiliensektor. Im Gebäudebereich sind wesentliche Assets unserer Zivilisation realisiert,
    etwa ein Drittel der Energie- und Ressourcenverbräuche findet in diesem Bereich statt, ebenso ein Drittel der Klimagasemissionen. Der Umbau der Zivilisation, vor allem im Bereich der Gebäude, ist ein zentrales Thema für den Klimaschutz und die Klimafragen (Green Buildings). Allerdings wird dieser Umbau in der Regel im Rhythmus sonstiger Sanierungsmaßnahmen stattfinden müssen, ansonsten sind die induzierten Kosten viel zu hoch. Es kann dann zu erheblichen Eigentumsverlusten, im Extremfall zu Insolvenzen, kommen. Im sozialen Wohnungsbau bedeutet das u. U. die weitere Stigmatisierung sozial schwacher Bürger, denen dann in Deutschland im Extremfall der Strom abgestellt wird. Dies ist mittlerweile bei etwa 600.000 Hartz-IV-Empfängern der Fall. Zu dem Thema der sozialen Seite bei Green Buildings gibt es eine im Internet verfügbare Studie, nämlich „Die soziale Dimension des Klimaschutzes und der Energieeffizienz im Kontext von Bau- und Wohnungswirtschaft", an deren Entstehung das FAW/n in Ulm wesentlich beteiligt war.

    ZIA-Studie
    Die Gesamtthematik „Nachhaltigkeit und Immobilienwirtschaft" ist in einem Grundsatzdokument des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) zur Nachhaltigkeit des Immobiliensektors dargestellt. Alle Akteure im Immobilienbereich werden dort aufgefordert, sich freiwillig der Global Reporting Initiative anzuschließen. Der Autor und das FAW/n in Ulm waren in diese Positionierung wesentlich involviert. Die Studie ist im Internet verfügbar unter www.zia-deutschland.de (Buch „Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft – Kodex, Bericht und Compliance." Zentraler Immobilien Ausschuss e. V., 2011).

    Wie ist die Lage bei Premium-Immobilien?
    Premium-Immobilien sind Gebäude, in die Weltfirmen als Mieter einziehen. Immer häufiger sind dies „Green Buildings". Warum ist das so? Geht es dabei primär um Energiekosten? Folgendes ist zu beachten: Unternehmen mit internationale Ausstrahlung und Markenkraft haben im Bereich Corporate Social Responsibility ganz besondere Verantwortung. In der Regel sind sie Mitglied der Global Reporting Initiative und /oder des Global Compact. Sie wollen und müssen ihr Carbon Budget jedes Jahr absenken.

    Die Kunden erwarten dies ebenso wie die Investoren, die Mitarbeiter und die Zivilgesellschaft. Jährliche Absenkung wird zu einem Thema der Reputation. Residieren in Green Buildings wird in diesem Kontext zu einer Frage der BWL, und zwar wegen der Erwartungen so vieler Stakeholder. Ob sich energetische Sanierung im klassischen Sinne rechnet, ist dann zweitrangig. Reduzierte Energiekosten
    sind angenehm und man nimmt sie gerne mit, aber sie sind nicht das zentrale Thema. Und natürlich verlagert man die Themen gerne auf Zulieferer. Man erwartet vom Markt Angebote für eine klimaneutrale Logistik, für das klimaneutrale Reisen der Mitarbeiter und eben auch für Green Buildings. Investiert also jemand in Gebäude, in die Premium-Unternehmen als Mieter einziehen sollen, müssen das zunehmend Green Buildings sein. Auch das ist dann BWL. Und das ist gut so. Denn so wandert das Thema immer weiter in den Markt und den Zuliefererbereich, bis hoffentlich einmal der ganze Bestand umgebaut und ein wesentlicher Beitrag für Umwelt- und Klimaschutz geleistet ist.




    Autor
    Prof. Dr. Dr. F. J. Radermacher

    Wissenschaftlicher Koordinator des Projekts „Immobilienwirtschaft und nachhaltige Entwicklung". Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n), gleichzeitig Professor für „Datenbanken und Künstliche Intelligenz" an der Universität Ulm, Präsident des Senats der Wirtschaft e. V., Bonn, Vizepräsident des Ökosozialen Forum Europa, Wien sowie Mitglied des Club of Rome.

    Er studierte Mathematik und Wirtschaftswissenschaften (RWTH Aachen, Universität Karlsruhe), Habilitation in Mathematik an der RWTH Aachen 1982. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. globale Problemstellungen, lernende Organisationen, Umgang mit Risiken, Fragen der Verantwortung von Personen und Systemen, umweltverträgliche Mobilität, nachhaltige Entwicklung, Überbevölkerungsproblematik. Ausgezeichnet wurde er u. a. durch den Planetary Consciousness Award des Club of Budapest, den Preis für Zukunftsforschung des Landes Salzburg (Robert-Jungk-Preis), den Karl-Werner-Kieffer-Preis, den „Integrations-Preis" der Apfelbaum Stiftung und den Umweltpreis „Goldener Baum" der Stiftung für Ökologie und Demokratie e.V.