BIM – EIN TOOL SUCHT SEINEN MEISTER

    Faszinierend, welche Chancen sich durch BIM eröffnen. Für Architekten, Ingenieure, Ausführende, Bauherren und Betreiber. Dabei zeigt sich aber sehr schnell, dass BIM keine Frage einer neuen Softwaretechnologie ist, sondern eine Frage neuer Arbeitsweisen, Organisationsformen von Teamwork, Integration von Disziplinen, Verdichtung und Nutzung von Informationen – eine Frage der Haltung zum Entstehungsprozess und Betrieb von Immobilien. Unserer Ansicht nach ist es nicht weniger als der Schlüssel zur „Industrie 4.0" des Bauens.

    DAS INSTRUMENT EXISTIERT – WELCHE SPIELART IST DIE BESTE?
    In der Praxis ist BIM als 3D-Planungswerkzeug zum Teil schon angekommen, wird aber meist noch sehr zaghaft eingesetzt – oft orientiert an bisherigen Organisationsformen bekannter Ausprägungen interdisziplinärer Zusammenarbeit. So ist es durchaus noch Standard, der übrigens auch von großen Softwareanbietern als Methode in Fachkreisen propagiert wird, dass jeder Planungsbeteiligte seinen eigenen Datensatz des Projekts betreibt. In diesen pflegt er händisch die Ergebnisse und Änderungen anderer Planer ein, was Aufwand und Fehleranfälligkeit zur Folge hat. Das sehen wir als „Brötchenholen mit dem Ferrari", als Verschwendung möglicher Potenziale.

    Durch die Aufstellung unseres Büros als Generalplaner mit allen erforderlichen Disziplinen von Architekten und Ingenieuren im eigenen Team, konnten wir schon früh an der Entwicklung von BIM mitarbeiten. Bereits 2012 wurde dieser Pioniergeist mit dem „Autodesk BIM Excellence Award" ausgezeichnet. Heute sehen wir uns als Vorreiter bei fortschrittlichen Strukturen und Konzepten BIM-gerechter Arbeitsformen, die Effizienz, Schnelligkeit, Sicherheit und Qualität steigern.

    Im Scherr+Klimke Modell des BIM-Einsatzes existiert jede Information nur einmal. Nach diesem Singularitätsprinzip wird klar definiert, wer für welchen Bereich Verantwortung trägt. Planungen und Änderungen aus anderen Zuständigkeiten werden lediglich referenziert, also mit ihren Auswirkungen auf meine eigene Arbeit dargestellt. So reicht der Hinweis „hier ist etwas Neues im Modell" für alle aus. Typische Projektbesprechungen aus der alten Welt sind selten geworden, das gemeinsame Werk entwickelt sich kontinuierlich fort. Ortsungebunden können über gemeinsame Bildschirmsitzungen mündliche Diskussionen unaufwändig geführt werden. Selbst die Nutzung verschiedener Plattformen ist möglich über Datenaustausch per IFC-Schnittstelle, soweit ist die Normierung bereits.

    DIE EFFEKTE SIND SCHON GROSS, WEITERE ZIELE IN GREIFBARER NÄHE.
    Durch die Tatsache der allumfassenden Digitalisierung sowie das Arbeiten im dreidimensionalen Darstellungsraum sind schon erhebliche Vorteile entstanden. Davon profitiert als Erster der gestaltende Architekt in der Objektplanung. Er kommuniziert Ideen, erhält Lösungsvorschläge von Fachplanern und erkennt im 3D-Raum auch bei mutigen Entwürfen eventuelle Kollisionen. Wenn er das Tooling erstmal beherrscht, genießt er mehr Freiraum durch den Fokus auf seinen kreativen Part. Viele Informationen sind schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt verfügbar, die Konsequenzen von Planungsoptionen oder Änderungen sind schnell abschätzbar, der Planungsaufwand dafür deutlich geringer. Unterschiedliche Szenarien können in ihrer Kostenauswirkung auf Bau und Betrieb aufgezeigt werden. Durch das Vorausdenken kann unplanmäßiger Zusatzaufwand, der früher gängig war, in der Ausführungsphase vermieden werden. Dem „Spielen" im Modell sei Dank. Die dritte Dimension inkl. Crash-Test am Bildschirm ist Realität. Die vierte sehen wir in der Addition von Termin- und Kosteninformationen. Die Integration von Ausschreibung und Ausschreibungsergebnissen ist bei Scherr+Klimke im Echtbetrieb angekommen. Nun arbeiten wir intensiv an der fünften Dimension, den Bauablauf steuernd. Beispiele dafür sind Listen, Materialmengen, Montagepläne für den Stahlbau, optimale Bauabläufe, Verfügbarkeiten von Hebegeräten sowie Baustellenlogistik. Danach ist die sechste und siebte Dimension greifbar nahe: Facility Management und ein ganzheitlicher Betrieb der Immobilie.

    Gemeinsame Vision von Architekt und Bauherr sollte unserer Meinung nach die volle Nutzung der mit Building Information Modeling verbundenen Potenziale in der Lebenszeitbetrachtung der Immobilie sein. Da ist jede Stunde Denk- und Modellpflegearbeit in der Planungsphase Gold wert zur Reduzierung von Realisierungs- und Betriebskosten. Die nächsten Schritte zu diesem Ziel sind unter anderem die Integration energetischer Simulationsmodelle oder Brandschutz-Simulation. Spannende Aussichten für Generalplaner und Bauherren.


    Der Originalartikel wurde im 1zu1 Magazin, Ausgabe 2015 veröffentlicht.
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    Autor
    Prof. Dr.-Ing.André Borrmann

    André Borrmann leitet seit 2011 den Lehrstuhl für Computergestützte Modellierung und Simulation an der TU München. Einer seiner wichtigsten Forschungsschwerpunkte ist die Weiterentwicklung von Methoden und Verfahren des Building Information Modeling. Borrmann ist Autor zahlreicher Fachpublikationen und Mitherausgeber des Buchs „Building Information Modeling – technologische Grundlagen und industrielle Praxis“, das im Juli im SpringerVerlag erscheint. Er ist Mitglied der BIM-Gremien bei VDI und DIN, stellvertretender Sprecher des Arbeitskreises Bauinformatik, Vorsitzender der European Group for Intelligent Computing in Engineering (EG-ICE) sowie Geschäftsführer der BIMconsult UG.

    BIM - Building Information Modeling

    Organische Formen fordern in der Planungsphase sowohl von Architekten und Ingenieuren als auch vom Bauherrn ein besonderes Maß an Vorstellungskraft.
    Building Information Modeling führt zu einer Vorverlagerung von Planungs- und Entscheidungsprozessen. Dies erlaubt eine umfassende Einflussnahme auf die Gestaltung und die Kosten des entstehenden Gebäudes bei gleichzeitig verringerten Kosten bei Planungsänderungen (nach MacLeamy).
    Building Information Modeling beruht auf der durchgängigen Nutzung eines digitalen Gebäudemodells über den gesamten Lebenszyklus.
    Ästhetisch anspruchsvolle architektonische Gestaltungen ziehen oft auch technisch höhere Herausforderungen nach sich. Dabei eröffnet die Planung aller Disziplinen in einem einzigen dreidimensionalen Raum neue Möglichkeiten einer integrativen Arbeitsweise.
    Integrierte dreidimensionale Modelle sind in der Planungsphase eine große Hilfe.
    Bauteilobjekte kombinieren die meist parametrisierte 3D-Geometriedarstellung mit weiteren beschreibenden Merkmalen und definierten Beziehungen zu anderen Bauteilen