VOM BAUMEISTER ZUM DESIGN-TEAM

    Baumeister und Design-Team
    Die Planung moderner Bauwerke ist ein faszinierend komplexer Prozess, dessen Fragilität nicht zuletzt durch das Beinahe-Scheitern öffentlicher Großprojekte immer wieder publik wird. Das für den Planungsprozess verantwortliche Projektteam vereint Architekten, Planer und Ingenieure. Diese haben unterschiedliche Arbeits- und Denkweisen und verfolgen bisweilen diametral unterschiedliche Ziele. Dabei verdeutlichen die unterschiedlichen Sichtweisen der beteiligten Planungspartner nur die dem Entwurfs- und Bauprozess immanenten Zielkonflikte.


    Bis zum Ende der Renaissance konnten diese widersprüchlichen Anforderungen an Gestalt, Funktion und Tragwerk noch von der Person des Baumeisters alleine erkannt, abgewogen und entschieden werden. Besonders der Kuppelbau des Doms von Florenz, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts von Filippo Brunelleschi erbaut, zeigt eindrucksvoll die damals in der Person des Baumeisters vereinte gestalterische und ingeniöse Kompetenz. So konnte die, mit 45 m Durchmesser und 107 m Höhe größte und höchste, gemauerte Kuppel der Welt nur dank einiger mutiger Innovationen Brunelleschi's realisiert werden. Ihm gelang die Adaption des gerüstlosen Gewölbebaus mit Fischgräten-Mauerverband auf die im Grundriss achteckige Kuppel und er entwickelte neue Geräte und Maschinen, die den Vertikaltransport auf der Baustelle entscheidend beschleunigten.


    Heute ist das vorhandene Wissen zu Architektur, Material und Tragwerk, zu Energiekonzepten, Bauphysik und Brandschutz nicht mehr von einer Person alleine zu erfassen, ganz zu schweigen von der Anwendung der modernen computergestützten Zeichen-, Rechen- und Planungswerkzeuge.

    Die seit der Renaissance enorm gewachsene Komplexität von Bauprojekten kann heute nur noch von einem gut funktionierenden Design-Team aus Architekten, Tragwerksplanern, Haustechnikern und weiteren Fachingenieuren bewältigt werden. Die Planungspartner benötigen demnach nicht nur Kreativität und profunde Fachkompetenz, sondern auch die Fähigkeit zum konstruktiven Ideen und Interessenausgleich. Umso wichtiger für den Bauherrn, dass er sich auf ein eingespieltes und kompetentes Design-Team verlassen kann.

    Lernen vom Projektpartner
    Äußerst interessant ist die wechselseitige Befruchtung unter den Planungspartnern im Laufe der Geschichte. So waren die Ingenieurbauten des frühen 20. Jahrhunderts ein wesentlicher Ideengeber für die neuen architektonischen Konzepte der Moderne. Die Architekten erkannten im Ingenieurbau das gestalterische und konstruktive Potenzial der neuen Materialien, Bauweisen und strengen geometrischen Formen und machten sie zu einem Ausgangspunkt der architektonischen Erneuerung. Heute werden die Tragwerksplaner zunehmend von der freigeformten Formensprache der Architekten herausgefordert und zu neuen tragwerkstechnischen Lösungen angeregt. Sie sind dadurch gezwungen, neue Methoden und Werkzeuge zur Berechnung und Herstellung solcher Formen zu entwickeln.

    Diese Architektursprache wiederum entstand im Experimentieren mit den neuen 3D-Zeichenprogrammen, wie z.B. den 3D-Oberflächenmodellierern. Diese wurden ursprünglich für den Fahrzeug und Flugzeugbau entwickelt und bieten zahlreiche Möglichkeiten. Heute haben die Suche nach neuen, effizienteren Energiekonzepten und damit die gestiegenen Anforderungen an die Gebäudetechnik enorm an Einfluss auf die Architektur gewonnen. Ihr Einfluss übersteigt damit zunehmend den des Tragwerksentwurfs, der Dank der modernen, hochfesten Materialien und einer leistungsfähigen Bemessungssoftware heute einfacher als früher hochkomplexe Tragwerke realisieren kann. Damit ist die Tragwerksplanung vielfach flexibler als die Gebäudetechnik und in der Lage, sich den modernen architektonischen und energetischen Konzepten anzupassen.

    Die Einführung von BIM (Building Information Modelling) bietet ein großes Potential als modernes Planungs- und Kommunikationstool innerhalb des Design-Teams. Idealer Weise werden damit Planungsabläufe vereinfacht und Fehlerquellen reduziert, da alle Planer am gleichen virtuellen Modell arbeiten. Problematisch ist heute noch, dass die damit verbundenen Arbeiten, die Aufgabenteilung und Planungsabläufe mit der HOAI nur unzureichend erfasst werden. Stärkung des Design-Teams Ausgeführte Projekte zeigen es: Architektonisch und in der Nutzung überzeugende und nachhaltige Bauwerke entstehen in der Regel dann, wenn im Entwurf die Einheit aus Architektur, Tragwerksplanung, Energiekonzept und Gebäudetechnik gelingt. Dieses Entwurfsziel führte im Laufe der Baugeschichte dank der sich verändernden Randbedingungen, Anforderungen und technischen Möglichkeiten zu ganz unterschiedlichen Lösungen für denselben Gebäudetypus. Ob Wohngebäude, Bürohochhaus, Museum oder Fernsehturm. Leider behindert die heute praktizierte Vergabepraxis häufig das Arbeiten in einem kompetenten und eingespielten Design-Team. Beispielsweise werden im Wettbewerb gerne Aufgaben an Teams aus Architekten, Tragwerksplanern und Gebäudetechnikern gestellt, anschließend aber nur der Architekt des Design-Teams direkt beauftragt.


    Ein eingespieltes und engagiertes Design-Team wird so oft genug durch eine Gruppe von „preisgünstigsten" Bietern ersetzt, die zu dem verhandelten Preis nicht in der Lage sind, den ursprünglichen Entwurf adäquat umzusetzen. Wichtig für die Qualität sind vor allem die frühen Phasen des Entwurfs, mit einer möglichst engen Zusammenarbeit von Architekten und Ingenieuren. Werden – wie leider oft zu beobachten – die frühen HOAI-Phasen gestrichen um Planerhonorar zu sparen, leidet die Qualität des Gebäudes. Nicht selten steigen die Projekt-Gesamtkosten, weil Architektur und Technik nicht ausreichend Gelegenheit zur Abstimmung hatten. Umgekehrt ergeben sich große Vorteile für Bauherren, Nutzer und Investoren, wenn das Potenzial eines eingespielten, kompetenten Planungs Teams konsequent, von der Wettbewerbsphase bis zur Ausführung, genutzt wird. Die entwerfenden und planenden Architekten und Ingenieure arbeiten in solchen gut eingespielten Teams kreativer, effizienter und mit reduzierter Fehleranfälligkeit, so dass Bauwerke mit einer erhöhten Entwurfs-, Ausführungs- und Nutzungsqualität entstehen. Kurz gesagt: In unserer modernen arbeits- und wissensteiligen Welt ist die intensive Kooperation im eingespielten Design-Team die einzige Möglichkeit, um die fachliche Kompetenz und die ganzheitliche Entwurfsqualität der alten Baumeister wieder zu erreichen.




    Autor
    Univ.-Prof. Dr.-Ing. Volker Schmid

    Das Paul Klee Zentrum in Bern, das Haus für Musik und Musiktheater in Graz, der Modern Wing des Art Institute of Chicago, die Holzkonstruktion des Metropol Parasol in Sevilla... Nur eine kleine Auswahl der Projekte, an denen Prof. Schmid federführend beteiligt war.

    Der gelernte Maurer beginnt im Jahr 1985 ein Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Universität München. Die ersten drei Jahre Berufserfahrung sammelt er in einem Münchner Ingenieurbüro mit Schwerpunkt Spannbeton-Brückenbau. 1994 geht er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Universität Stuttgart und schließt nach fünf Jahren mit der Promotion ab. Im Anschluss ist er als Tragwerksplaner bei Arup in London tätig und ab 2005 in Berlin, wo er mit der Führung multidisziplinärer Design-Teams für international renommierte Projekte betraut ist. 2007 erhält er den Ruf an die Technische Universität Berlin. Dort leitet er das Fachgebiet Entwerfen und Konstruieren – Verbundsstrukturen am Institut für Bauingenieurwesen.

    Zahlreiche internationale Preise bestätigen die gestalterische Qualität und ingeniösen Herausforderungen der Projekte, wie der Schweizerische Stahlbaupreis 2005, der Holcim Award Bronze 2005 Europe, die Auszeichnung zum Ingenieurbau-Preis 2006 von Ernst und Sohn, der European Steel Design Award 2007, der Östereichische Stahlbaupreis 2009 und der Red Dot Design Award 2012.